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Zeichnend Ordnung schaffen
gegen die heillose Überforderung.
Das Zeichnen als Verfahren,
mit etwas umzugehen.
Gedanken wandern durch die Hand,
zeichnen eine Sammlung aus
der Sammlung. Langsam,
unvollständig. Wenn wir jedes
Buch verzeichnen wollten,
bräuchten wir zehneinhalb Jahre,
zu zweit fünf Tage die Woche.
Das gäbe ca. 13000 Zeichnungen,
etwas mehr als eine pro Buch.

Dokumentation:
«Die Bibliothek Andreas Züst durchzeichnen –
Some lines are grass and some lines are shadow»
Dominic Fiechter und Madeleine Stahel
81 Seiten, A4, SW Tonerkopie, klebegebunden, 2017
Auflage: 17/17

Januar 2018
Text: Dominic Fiechter & Madeleine Stahel

Für die Independent Art Publishing Fair VOLUMES 2017 erstellten die Studierenden des Studiengangs der Visuellen Gestaltung von der F+F Schule für Kunst und Design eigene grafische Produkte. Den Ausgangspunkt dafür bildeten Texte und/oder Bilder, die unter dem Oberthema OFF THE GROUND stehen. Aus vorgefundenen Materialien musste eine eigenständige Narration oder Fiktion entwickelt werden, die die Fundstücke neuinterpretiert. Im Alpenhof wurde die Recherche mit Fundstücken aus der Bibliothek Andreas Züst ergänzt, überarbeitet und kontrastiert.

Mit Beiträgen folgender Studierenden:
Zoe Milena Bonavoglia, Elena Lechner, Stefano Candela, Yannic Cserhati, Fabienne Iten, Aileen Howlett, Joel Cavin, Seraina Fels, Valentina Morrone, Natalie Hinzmann, Renald Lenzin, Yannick Billinger und Verena Gehr

November 2017
Text: Ilia Vasella

Michel Serres refers to a “crevasse” that emerged as the font of the great monotheistic religions and became the home of Greek philosophy and of Greek and Arab science. It stretches from the city of Memphis by the Nile to Olynthus, Greece via Nippur, Iraq. These were the lands of biblical prophets, of both Christianity and of Islam; and also witnessed the birth of writing, money and the manufacture of iron and bronze.

A point on the Earth’s surface is pulled by the weight of all the library’s books as latitude and longitude coordinates. Its resting place is one where every book has influenced it: 58°57’56.3″N 39°16’57.8″W or 480 km southeast of Greenland. Between the coordinates of some 10,400 titles, a line marks a crevasse of the library: one lake to another.

[img. 1]
Looking southeast towards the center of the library. A poem from information deemed as places by an Information Extraction Pipeline.

[img. 2]
Crevasse between two Swiss lakes, altitude 3386 m.a.s.l. [detail].

[img. 3]
Floating roof along the crevasse [detail]. It encapsulates the geographic center of the library.

[img. 4]
‘Nuances and Details in a Curved Stream’ [Film Still], HD video, 02:10 mins.

November 2017
Text: Valle Medina & Benjamin Reynolds

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Log #1 MSR FCJ – “Travelling Through Mayonnaise”

Launched: 2.11.17 > 29.11.17

Navigators: Mike S Redmond & Faye Coral Johnson

Location: Alpenhof, St Anton, 1110 m.a.s.l

Content Provider: Bibliothek Andreas Züst

Opening statement: “This is for those on this emerald planet whose minds are open enough to create a question and seek an answer.”

Mission: [1] Explore new materials [2] Survive new environment [3] Source interesting ideas [4] Dissect findings [5] Create interesting visuals [6] Follow the path to the unknown

Secret Mission: Who is Number 1?

Selected Findings: 2 figures back to back / a 2d pipe and smoke / a waiting room / steps leading to a doorway / a giant watch / an egg held between two fingers / a rope down the middle / an empty dining room / a long heeled shoe / a karate chopped tyre / an unusual bum shape / a variety of chairs / smudged faces / floating shoes / an arm turning into a snake / a squirrel shaped shoe / keys as ears / ears as keys / a bent saw / objects hiding in sleeves / a view of a window from a window / floating stones and rocks / a ghost in a sauna / wobbly pillars / a head popping out of pipe / double ended hammers / a cat standing up on back legs looking sad / a snake stealing a credit card / a twisted street lamp / double fear / a monkey in a sewer / a vase hitting a face / tools twisted together / everyone looking down / milky mist / a steam train clock / a shadow in the back / balloon legs / steam coming from heels / gas turning the corner / a shrunken moon / a fatal error

Recordings: Writings / Drawings

Future Explorations Based on Findings: Large Scale Paintings / Lampshades

Closing Statement: “The experience continues…”

November 2017
Text: Faye Coral Johnson & Mike Sali Redmond

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Für mich hat sich die Photographie seit ihrem Ursprung nicht verändert, ausser in den technischen Belangen, und die kümmern mich wenig. Die Photographie ist ein unmittelbarer Ausdruck der Sinne und des Geistes, die in visuelle Begriffe übersetzte Welt, ein unaufhörliches Suchen und Fragen. Eine Tatsache wird im Bruchteil einer Sekunde erkannt, und im gleichen Augenblick fügen sich die visuell wahrgenommenen Formen, die diese Tatsache ausdrücken und ihr ihren Sinn verleihen, zu einem streng gegliederten Ganzen. Entscheidend ist, dass wir voll und ganz in dieser Wirklichkeit stehen, die wir im Sucher zerstückeln. Der Photoapparat ist gleichsam das Heft, in dem die in Zeit und Raum entworfenen Skizzen verzeichnet werden, gleichzeitig aber auch das grossartige Instrument, welches das Leben so erfasst, wie es sich darbietet. Photographieren ist nichts, wenn die Intuition des Gefühls und der Erkenntnis nicht daran teilhat. Alle diese Fähigkeiten müssen sich aufs innigste durchdringen, und dann bedeutet das Einfangen eines selben Bilds eine grosse physische Freude.

Photographieren scheint etwas leichtes, aber es erfordert grosse Konzentrationskraft, die sich mit Begeisterung und geistiger Disziplin paaren muss. Nur eine grosse Sparsamkeit der Mittel führt zur Einfachheit des Ausdrucks. Der Photograph soll dem Gegenstand mit grosser Ehrfurcht gegenübertreten, aber von seinem eigenen Standpunkt aus. Das ist meine persönliche Einstellung; darum bin ich gegen das «gestellte» Photo sehr voreingenommen. Andererseits auferlegt die intensive Verwendung der Bilder dank der Massenmedien den Photographen immer neue Verantwortung. Unbestreitbar besteht ein Bruch zwischen den wirtschaftlichen Geboten unserer Konsumgesellschaft und den Ansprüchen jener, die von unserer Zeit Zeugnis ablegen. Das berührt uns alle und ganz besonders die Generation der jungen Photographen. Mehr denn je müssen wir darauf bedacht sein uns nicht von der Welt und dem Menschlichen trennen zu lassen.

April 2017

Text: Auszug aus:
Cartier-Bresson, Henri
Meine Welt
Verlag: Luzern : Bucher, 1968
Signatur: KCAC 008
Regal: Fotografie I

www.biancapedrina.com

Der Berner Pianist Oli Kuster betrat die Bibliothek Andreas Züst im Juni 2014 zum ersten Mal. Er verschwand gemäss Augenzeugenberichten eine Stunde nach Betreten des Raumes mit einer Gruppe Ethnologen in der Südsee.

Nun ist Kuster zurück mit seiner neuen Jazz-Platte «Magniflex». Darauf findet sich auch «Züst» wieder, ein wilder Ritt durch eine Bibliothek mit Fenster zum Appenzellerland, über das Kuster einst sagte: «Es ist schön wie das Emmental, nur die Leute scheinen offener.»

Video zu «Züst» auf Youtube
Ganze Platte auf iTunes

Juni 2017

Text: Valérie Wacker

Im Frühling 2016 erreichte uns aus Ghent eine Nachricht des Deutschen Literaturforschers Thorsten Ries, der in der Bibliothek Andreas Züst seine Recherche zum ethnografischen Konzept des «Memorizers» wie von Thomas Kling verwendet, zu recherchieren plante, ein Konzept, das offenbar auf Gespräche zwischen Kling und Andreas Züst oder die Bibliothek selbst zurückgehe. «Ich würde gerne diesen Zusammenhang anhand der Ozeanien-Literatur in der Bibliothek Andreas Züsts weiter recherchieren, da die genaue Quelle des Begriffs immer noch unklar ist. Möglicherweise finden sich Lektürespuren Klings.»

Als ich ihn über die Einladung zu einem Aufenthalt, welcher im Herbst 2016 erfolgt ist, nach dem Ergebnis seiner Recherche frage, führt mir Thorsten folgendes aus: Er sei gerade dabei, ein Büchlein «über digitale Forensik, Critique Génétique und Kling und Michael Speier (Winter Verlag, Reihe Beihefte zum Euphorion)» fertig zu machen.

«Darin findest du auch (…) was ich zu Klings ‹Memorizer› gefunden habe: nicht DIE erhoffte Quelle (und ich habe in allen Ecken der Bibliothek danach gesucht). Aber ich konnte immerhin das gemeinsame Interessenfeld ‹Ozeanien› und Claude Levy-Strauss’ ‹strukturale Anthropologie› anhand der Bibliothek ermitteln. Ich konnte auch die gemeinsamen Interessen und den zeitlichen Verlauf des Verhältnisses von Kling und Züst ein wenig ermitteln, indem ich Klings Widmungen in den Büchern der Bibliothek gesichtet habe. Ich gehe davon aus, dass die initiale Idee des ‹Memorizer› im mündlichen Austausch zwischen den beiden aufgekommen sein muss (daher die Widmung in Bekannte Bekannte 2), die weitere Übertragung ist Klings ‹Eigenleistung› – dies kann man, ex negativo, aus dem Abgrasen und der Fehlanzeige in der Bibliothek, schlussfolgern.»

Es sind Zeilen, die Thorsten mit dem Hinweis «dafür war dieser Besuch allemal wertvoll genug» schliesst, ich wiederum freue mich über diese Nachricht ab der verspielten Akribie, mit der ein Deutscher Literaturwissenschafter aus Ghent – «specialized on applications of digital forensics in the Humanities, scholarly editing and textgenetic criticism» – sich der Bibliothek Andreas Züst angenommen hat.

August 2017
Text: Mara Züst